Taktische Überlegungen von allen Seiten zum 1. Mai in Paris: der Staat kommt aus dem Tritt

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Es gab die lahmen Umzüge des ersten Mai. Tag der Arbeit für die einen, Tag der Arbeiter für die anderen. Die ewige Debatte zwischen dem alten Staatspetainismus und der stalinistischen Platitüde, das Ganze versammelt unter dem Banner der selben ökonomische Religion: République-Bastille-Nation. Rote Ballons, Würstchen und schlechte Rockmusik in abgeriegelten Bereichen um die Sprachlosigkeit zu überdecken, den Verlust jeglicher Perspektive, die über den derzeitigen status quo hinausführen könnte. Die Gewerkschaft Lutte Ouvrière singt die Internationale. Die Anarchos bleiben unter sich. Der Andrang variiert mit den Niederlagen des jeweiligen Jahres und mit der Zahl der freien Brückentage. Die greifbare Langeweile des Endes der Geschichte, das an diesem Tag 24 Stunden dauert. Einmal wurde gar eine irgendwo am Arsch der Welt entführte Journalistin zur unfreiwilligen Ikone des Pomps. Dies verdeutlicht, dass außer feiern und hassen nichts mehr übrig blieb. Ein anderes Mal setzten es sich die Autonomen in den Kopf, die Sozialdemokraten aus dem Demonstrationszug zu vertreiben; der Ordnungsdienst der CNT-Gewerkschaft schützte die Sozialisten; darüber wurde dann jahrelang schwadroniert. Aber das war vorgestern, am Anfang der 2000er Jahre, das ist ein ganzes Jahrhundert her.

Der 1. Mai 2016

Das Aufkommen des “cortège de tête” im Jahr 2016 hat dazu geführt, dass der dahinsiechende 1. Mai der Präfektur wieder Kopfzerbrechen bereitet. Auch wenn sich das französische savoir-faire im Bereich der Lenkung einer Menschenmenge kaum überschätzen lässt, so muss man doch anerkennen, dass der Staat es hier mit einem dicken Brocken zu tun hat und dass er zunehmend kopflos handelt. So am 1. Mai 2016, als angesichts tausender vor der Gewerkschaftsdemo laufender Personen – manche vermummt, andere gar nicht, aber alle vereint in der gleichen freudigen Stimmung und im enthusiastischen Jubel über jede berstende Bankfilialenscheibe – die Präfektur es unternahm, nachdem es den Versuch gegeben hatte, aus der vorgeschriebenen Demonstrationsroute auszubrechen, einfach mal die Gesamtheit derjenigen zu kesseln, die vor dem offiziellen Aufzug liefen. Man stellte sich wohl vor, auf diese Weise all die Aufständischen ins Netz zu bekommen, die einem schon seit Monaten Kummer bereiteten. Allerdings waren an diesem Feiertag alle möglichen Leute in diesem cortège de tête, der allem ähnelte, nur nicht dem “schwarzen Block”, den sich der Staat herbeifantasierte. Man umzingelte also diesen Zug, mit allem was dazugehört, von großzügigem Tränengasbeschuß bis zur blinden Knüppelei. Man erreichte damit die Transformation der tausenden Körper, der vielteiligen Menge – eine gute Stunde lang eingepfercht unter der brennenden Sonne – in einen Kristall der Masse, in einen geteilten affektiven Zustand, vereinigt in der Wut gegen die Polizei. Eine Stunde brauchte die Präfektur für den Versuch, die CGT dazu zu bewegen, einer Umleitung des vorgesehenen Laufwegs zuzustimmen, mit dem Ziel, diesen widerspenstigen tête de cortège kontrollieren und gegebenfalls festnehmen zu können. Aber die CGT weigerte sich und man musste folglich den Kessel auflösen. Nicht zuletzt diese Episode sorgte dafür, die Devise “tout le monde déteste la police” zu popularisieren und sie wahrhaftig werden zu lassen. Der Rest der Demoroute war ein einziger Freudenausbruch bei jedem Scheibenbruch. Als einige versuchten, die Autolib‘-Leihstation an Nation komplett zu zerlegen, hörte man minutenlang ein massives “tout le monde déteste Bolloré”. An diesem 1. Mai 2016 sieht man nicht nur, wie sich die Präfektur die Finger verbrennt, sondern auch, wie sie dazu beiträgt, den Esprit der Demonstrierenden zu schärfen. Die CRS rächten sich zum Abschied mit anlass- und wahllosen Würfen dutzender “désencerclement”-Granaten, um einige zu traumatisieren und die Wut hunderter zu entfachen.

Der 1. Mai 2017

Jeder weiß wieviel Ausdauer, aber auch Rachlust für den Polizeiberuf erforderlich ist. Der 1. Mai 2017 war beispielhaft für diese Geisteshaltung. Dieses Mal ergriff die Präfektur die Initiative und machte schon im Vorfeld und gemeinsam mit dem Ordnungsdienst der CGT, einen Plan. Dieser Plan war offen machiavellistisch. Er bestand aus Folgendem:

– einigen “Autonomen” klar zu machen, dass der 1. Mai 2016 der Operationszentrale wirklich gut gepasst hatte und dem überhaupt nichts im Wege steht, dass der cortège de tête nicht den Unkontrollierten vorbehalten bleiben sollte.

– die besagten Unkontrollierten sich in aller Ruhe vor dem CGT-Block zwischen République und Bastille versammeln zu lassen.

– wenn der cortège de tête sich in Bewegung setzt, ihn, im Einverständnis mit dem Ordnungsdienst der CGT, der seinen Block zusammenhält, vom Rest der Demo abzuschneiden, ihn mit Tränengasbeschuss und anhaltendem Trommelfeuer vor sich her zu jagen, bis zur Bastille, ihn von da bis zur ehemaligen Hochbahntrasse Coulée Verte zu drängen, ihn dort pausenlos zu kesseln, danach den Boulevard Faubourg Saint-Antoine zu öffnen, damit die Demo ihren Weg fortsetzen kann ohne überhaupt mitzubekommen, dass gleichzeitig nur 200 Meter entfernt 600 Leute kontrolliert und und manche verhaftet werden.

Das wohlüberlegte Interesse der CGT-Führung und der Präfektur wäre mit diesem win-win-Deal befriedigt worden, wenn auch die Gewerkschaft Solidaires die Änderung der Route ihres Zuges hingenommen hätte und den Boulevard Faubourg Saint-Antoine anstelle der Avenue Daumesnil zu nehmen. Aber Solidaires weigerte sich. Caramba! Wieder schiefgegangen! Bis zum heutigen Tag hat man es immer noch nicht geschafft, eine ganze politische Generation und ihre Komplizen festzusetzen.

Nach diesem riskanten und nutzlosen Manöver musste man abermals den Kessel öffnen. Man kann sich leicht die Aufgebrachtheit derer vorstellen, die gerade beim Verlassen der nur für sie vorgesehenen temporären Freiluftzelle wieder mal vergeblich festgehalten, gepfeffert und geknüppelt worden waren. Der Rest der Demo war dementsprechend wütend. An diesem 1. Mai 2017 hat die Polizei es mal wieder verpasst, sich Freunde zu machen.

Der 1. Mai 2018

Da es ihr eindeutig nicht gelingt, den “cortège de tête” einzukesseln, würde die Präfektur wohl am liebsten, für den 1.Mai 2018 einfach die ganze Demo einkesseln. Unter dem Vorwand, am Place de la Nation fänden Bauarbeiten statt und den Gewerkschaften, die eine andere und längere Demoroute forderten, zum trotz, ist die Demo des 1. Mai 2018 beschaulich kurz: von der Bastille den Kanal hinunter über die Arsenal-Brücke den Austerlitz- und den Hôpital-Boulevard entlang hin zum Place d’Italie. Wasserwerfer an allen neuralgischen Punkten, wenig Tränengas – bedenkt man das Tränengasfeuerwerk auf der ZAD –, wahrscheinlich Vorkontrollen auf dem Weg zur Bastille und mit Absperrgittern blockierte Nebenstraßen entlang der Route. Kurz gesagt: ein dem 12. September 2017 vergleichbares Dispositiv, wo der cortège de tête jeden Sinn verlieren soll, da er darauf reduziert werden soll, das Unkontrollierte in einem total kontrollierten Raum zu spielen.

Die dieses Mal von der Präfektur vorgebrachte Erklärung ist das Kommen von direkt aus ihren zweckmäßigen Albträumen auftauchenden 1000 bis 1500 “Autonomen”. Sicherlich, schon der April war ein heißer Monat und in Anbetracht der von der Regierung gegenüber der stattfindenden Bewegung umgesetzten Radikalität, in Anbetracht der Brutalität ihrer Methoden, ist ein ungewöhnliches Level an Wut unter den Teilnehmenden des 1. Mai vorhersehbar. Die letzten Pariser Demos am 22. März und 19. April sahen ein erstaunlich zahlreiches, heiteres und bestimmtes Wiederauftauchen des “cortège du tête”, dessen Esprit offenkundig am Leben geblieben war, trotz der Bewegung, die die Form erfunden hat, die ihn gänzlich untergehen lassen wird. Man versteht also leicht die nächtlichen Ängste der Präfektur. Man versteht, dass sie zwischen der ungeordneten, mit harter Hand geführten und engmaschigen Lenkung von Demonstrationen aus der Ära Valls und dem distanzierten, anpassungsfähigen doch wissenschaftlichen Ansatz des neuen Präfekten immer noch nicht das probate Mittel gefunden hat und weiterhin experimentiert.

Aber ist die Aufrechterhaltung der “öffentlichen Ordnung” nicht letztlich die Verwaltung der Unordnung? Glaubt man wirklich, dass es zur Kontrolle der Massen reichen würde, sie verschwinden zu lassen? Sieht man denn nicht, dass, indem man das Demonstrieren nur innerhalb eines Kessels erlaubt, man sich dem Risiko aussetzt, das Chaos auf die ganze Stadt auszuweiten und es weitaus schwieriger sein wird, dieses zu kontrollieren? Realisiert man denn nicht, dass, indem man versucht, diejenigen, die man als “Störenfriede” identifiziert, von der Demo auszuschließen, man ihre Wut noch vergrößert? Versteht man denn nicht, dass, indem man sich versteift, man sich gewiss brüchiger, aber auch zerbrechlicher macht?

Wie dem auch sei, mit diesem 1. Mai 2018 sieht man leicht, dass das Experiment auf allen Seiten weitergeht; und dass es noch zu früh ist, dieses neue Kapitel, das sich mit diesem Monat Mai öffnet, einzuordnen. Dieser Monat Mai könnte überraschend sein, könnte der Moment einer auf den April folgenden zweiten Welle sein, wenn man Schlüsse zieht und das Niveau eines abrupten Konflikts erreicht, der von einer Regierung ohne den geringsten dialektischen Sinn ausgeht.